Der ersten Teil dieses Textes sollte die Ereignisse um Stuttgart 21 in die historische Situation 20 Jahre nach der Wende einbetten und deutete bereits an worum es im zweiten Teil gehen soll: Die höchst notwendige und fördernswerte Politisierung und Radikalisierung von Menschen, die beginnen aktiv an politischen Entscheidungen teilzunehmen. Denn es gibt Wahrheiten, die mensch nicht aus Büchern lernt, sondern auf der Straße.
Eine Rentnerin, gepflegt, gut gekleidet, augenscheinlich „keine Berufsdemonstrantin“, habe ihm vor lauter Wut über das Geschehene den Ellenbogen in den Bauch gerammt. „Das hat mir körperlich nicht wehgetan, doch es hat mich innerlich tief getroffen“, sagt der Kommissar.
Hamburger Abendblatt
Von ganz ganz oben, aus der EU Kommission wird die immense wirtschaftliche Bedeutung der transeuropäischen Ost-West Achse angemahnt. Der BDI kritisiert die angeblich zu starke Bürgerbeteiligung bei Großprojekten und Angela Merkel erklärt, im internationalen Wettbewerb sei Deutschland durch seine Mitsprache- und Einspruchsrechte benachteiligt. Demokratie wird zum Standortfaktor. Ohnehin bekommt mensch langsam das Gefühl die Verfassung würde nicht so sehr von Extremisten, sondern von Volksvertretern und Wirtschaftsbossen bedroht. So abgefahren die o.g. Behauptungen auch sein mögen, sie zeigen um was es bei Stuttgart 21 eigentlich geht.
Die bundespolitische Bedeutung des Konflikts liegt nicht in den unkalkulierbaren Unkosten für den Steuerzahler. Das stört Merkel reichlich wenig: „Wenn wir hier in Deutschland bei Protesten sofort nachgeben, kann auch mein griechischer Kollege morgen ankommen und sagen: Bei uns wurde so viel demonstriert, wir konnten die Stabilitätszusagen nicht einhalten.“ Angela Merkel will also ein Exempel statuieren. Die Unnachgiebigkeit gegenüber dem Volk wird zu einer Frage von Prinzipien und internationalen Vereinbarungen. Gleichzeitig sagt sie, die Landtagswahl solle zur Abstimmung über Stuttgart21 werden. Aktuellen Umfragen zufolge, würde das für ihre Partei allerdings eine bittere Niederlage bedeuten. Die Tatsache, dass sich Merkel überhaupt einschaltet und die Entschlossenheit, die die Landesregierung an den Tag legt, lassen vermuten, dass die Bauarbeiten noch vor den Wahlen unumkehrbar gemacht werden sollen. Es sind ja immerhin noch 5 Monate. Die Durchsetzung der Pläne ist ein Wert an sich.
In Stuttgart geht es nicht um den verkehrspolitischen Nutzen eines Bahnhofsumbaus und auch nicht um die Verschwendung von Steuergeldern, sondern um das Kräfteverhältnis von Volk und Herrschaftselite und die Organisationsform der Gesellschaft. Die Fragen, die sich der Bewegung stellen gehen an die Grundlagen der politischen Kultur. Von Anfang an wurde von den Protestierenden die demokratische Legitimität des Projektes angezweifelt, zunehmend aber auch die demokratische Verfasstheit der Gesellschaft insgesamt. Sehr viele demonstrieren zum ersten Mal und machen völlig neue Erfahrungen: Die Clique, der wir in Wahlen die Macht übertragen haben, ist jetzt bereit, sie rücksichtslos zu verteidigen. Es ist nicht nur das ohnehin ruinierte Ansehen der Politiker, das weiter leidet. Gleich zu Beginn wurde der Platz vor dem Bahnhof in „Platz des himmlischen Friedens“ umbenannt. Es handelt sich um eine Demokratiebewegung.
Die Strategien der Unterdrückung durch massive Demonstration von Macht, durch die Androhung und Ausübung von nackter Gewalt gegen jeden der ernsthaft Einspruch erhebt gegen die politische Ordnung, passen nicht zu dem Bild, dass sich die Bundesrepublik in der öffentlichen Wahrnehmung wünscht und dort auch weitgehend genießt. Berichte über Polizeigewalt werden von der Mehrheit als rund weg unglaubwürdig aufgefasst und Parolen gegen die Polizei bestenfalls als gefährlicher Wahnsinn. Fussballfans, Migranten und einige andere Gruppen der Bevölkerung haben da ganz andere Erfahrungen gemacht.
Das Bild der Polizei als „Freund und Helfer“ ist in bestimmten Milieus längst Vergangenheit. In Stuttgart droht diese Auffassung nun auf breiterer Basis zu erodieren. Der persönlichen Erfahrung hält sie nicht stand. Sprüche wie „All Cops Are Bastards“ glaubt man nicht wenn man sie liest, sondern man denkt sie, wenn man entsprechendes sieht. Am Bauzaun um den inzwischen gefällten Nordflügel, hing schon früh ein Aufruf, die Polizei solle desertieren, der definitiv nicht von Linksradikalen verfasst wurde. Gerüchtweise soll bereits am ersten Tag der Demonstrationen nach einer ruppigen Verhaftung ein Polizeiauto entglast worden sein. Zum ersten Mal die Methoden der Staatsgewalt zu beobachten ist ein Schock, von dem sich die wenigsten erholen, ohne ihre Konsequenzen daraus zu ziehen.
Wer dabei war, wird sich in diesem Zusammenhang vielleicht an den völlig unprovozierten Polizeieinsatz im Schlosspark erinnern, der Hunderte schwere, zum Teil grausame Verletzungen forderte und bei dem schätzungsweise Tausend Menschen von Tränengas getroffen wurden. Begründet wurde die militärische Aktion anderntags mit Polizeivideos über gewalttätige Demonstranten, die nur Tage später als restlos manipuliert entlarvt wurden. Die Polizei hatte für diesen Tag zweifellos den Auftrag möglichst viele Stuttgart21-Gegner zu verletzen und im besten Fall eine Straßenschlacht zu provozieren. Deshalb wurde es auch für notwendig gehalten, während einer Schülerdemonstration den Park abzusperren und symbolisch ein paar Bäume zu fällen, was zu diesem Zeitpunkt schon bekanntermaßen illegal war. Staatliche Gewalttaten werden in diesem Land nicht allein dem Sadismus der Vollstreckungsbeamten überlassen. Ob der Wasserwerfer auf die Köpfe oder auf die Beine schießt, ist eine schwerwiegende Entscheidung, die selbstverständlich mit der Einsatzleitung abgestimmt ist. Und weil es der Landesregierung strategisch in den Kram passte, hat es diese Einsatzleitung nicht nur in Kauf genommen, das Menschen erblinden, sie hatte es darauf abgesehen. Die Leute auf der Straße wissen das.
Die Fratze des Systems zeigt sich von ihrer hässlichsten Seite. Das ist nicht neu in der Geschichte der Bundesrepublik. Wenn es der Wirtschaft eine Herzensangelegenheit war, wurde noch jeder Protest von der Straße gefegt. Mensch denke da nur an Brockdorf und die Startbahn West. Wie in jedem Krieg ist das erste Opfer die Wahrheit. Die Hemmschwellen der politischen Autoritäten fallen überraschend schnell und dann wird verdreht, gelogen und plump gefälscht. Aber zum Lügen gehören bekanntlich immer zwei, in diesem Fall eine Lobby, die sich die Lüge ausdenkt und eine Medienlandschaft, die sie unüberprüft in alle Welt hinausposaunt. Aber auf den Demonstrationen entsteht eine Gemeinschaft, die eine spürbare Macht entwickelt, in der lebhaft diskutiert wird und in der Erfahrungen Menschen Erfahrungen machen, die ihnen all die Lügen und Verleumdungen der Politiker nicht mehr nehmen können.
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Es fällt auf, dass – wie aus ähnlichen Auseinandersetzungen und Debatten bekannt – die Journalisten ein ums andere Mal, trotz irgendwas-mit-Medien-Studium und angeblichem langjährig erworbenem Fachwissen, sich nicht erblöden auch die allerinfamsten Lügen nachzubeten und in allen Zeitungen und auf sämtlichen Kanälen die selben Wahrheiten in großem Bogen zu umfahren. Das ist für die paar Leutchen, die beispielsweise mal beim G8-Gipfel waren, keine Überraschung. Sie kennen die Diskrepanz zwischen persönlichem Erleben und Zeitungsmeldungen. In Stuttgart machen jetzt ganz andere Menschen die gleiche Erfahrung. Dass nicht alles was in der Zeitung steht die Wahrheit ist und dass nicht die ganze Wahrheit in der Zeitung steht, sondern eben nur dass, was den wirklich Mächtigen in den Kram passt, ist vielleicht der wichtigste Bewusstseinsgewinn den die Gegner von Stuttgart21 bisher erreicht haben. Eine so herbe Enttäuschung von der politischen Klasse und der so genannten „vierten Gewalt“ wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. Ein Zeichen dafür ist, mit welchem Elan die Proteste trotz Schlichtungsgesprächen und Gewaltgeschwafel weiter gehen.
In Umfragen liegen die Grünen mittlerweile sogar vor der CDU und sind stärkste Partei. Das ist zwar mit Sicherheit nicht die Lösung des Problems, aber eine so enorme Wählerwanderung ist eine höchst ungewöhnliche Entwicklung. Bemerkenswert ist auch dass eine Protestbewegung in Deutschland so starken Rückhalt gewinnt, die sich nicht mit Appellen und freundlichen Bitten zufrieden gibt. Einiges scheint in Bewegung zu geraten. Es ist allerdings Vorsicht geboten: Die Mediation und das Vorgehen der Polizei sind Teil einer Spaltungsstrategie. Der eine Teil der Bewegung, die Menschen mit längerer Demonstrationserfahrung und diejenigen die die Gewalt persönlich gespürt haben, soll radikalisiert werden. Der andere Teil hat (noch) mehr Vertrauen in die Kompromissbereitschaft der Politik. Sie werden zweifellos eines besseren belehrt werden und das wird eine weitere gute Erfahrung, aber während sie nicht an Demos teilnehmen, weil sie auf die Schichtung warten, werden Bahn und Politik es nicht versäumen, das Projekt tatsächlich unumkehrbar zu machen. Der Südflügel wird ganz bestimmt nicht erst 2012 abgerissen!
Wenn der Protest weitergeht, wird sich das Vorgehen der Macht aber radikalisieren und solange wird sich der Prozess der Entwickelung eines politischen Bewusstseins auch verstärken. Ich will nicht gleich die Revolution an die Wand malen, aber in Stuttgart beginnt das politische System den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das Interessante an den Entwicklungen um Stuttgart21 ist, dass sich die unmittelbaren Erfahrungen nicht auf einen Kreis von Aktivisten beschränken, der sich, wie nach dem G8-Gipfel oder den AKW-NEE-Demos, sofort wieder in der ganze Republik zerstreut. Wir leben alle in der gleichen Stadt oder ihrem Umland. In so einem Biotop kann viel Widerstandswille wachsen. Noch dazu handelt es sich um Schwaben. Da kann noch einiges passieren…
Im dritten Teil werden unbequeme Schlussfolgerungen gezogen. Die Spannung eird also weiter hoch gehalten.


